Eine geistige Strömung zwischen Templertradition und Freimaurerei

Das sogenannte Klerikat der Tempelherren gehört zu den bemerkenswertesten Erscheinungen der templerisch geprägten Freimaurerei des 18. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt seiner Entstehung steht der Theologe und Gelehrte Johann August von Starck (1741-1816). Er entwickelte ein System, das ritterliche Traditionen mit einem ausgeprägt geistlichen und esoterischen Verständnis des Templertums verband.

Dabei muss zwischen historisch nachvollziehbaren Entwicklungen des 18. Jahrhunderts und den wesentlich älteren Traditionslinien unterschieden werden, auf die sich das Klerikat berief. Die behauptete unmittelbare Weitergabe eines geheimen Templerwissens seit dem Mittelalter gehört zur Ordensüberlieferung und lässt sich historisch nicht zweifelsfrei belegen.

Gerade diese Verbindung von Geschichte, Symbolik und geistiger Tradition macht das Klerikat zu einem interessanten Kapitel der neuzeitlichen Templerrezeption.

Johann August von Starck und die Entstehung des Klerikats

Starck entwickelte seine Vorstellungen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Während seiner Tätigkeit in St. Petersburg kam er mit freimaurerischen Kreisen und unterschiedlichen esoterischen Lehrsystemen in Berührung u.a. dem Melesino-System. Es ist benannt nach Pjotr Iwanowitsch Melesino (Melissino) benannt. Es verband traditionelle Freimaurerei mit christlich-mystischen, esoterischen und ritterlichen Elementen. Es ging über die üblichen drei Grade Lehrling, Geselle und Meister und strebte eine stärkere spirituelle bzw. mystische Vervollkommnung des Freimaurers an.

Eine zentrale Rolle spielte dabei die Vorstellung, dass der mittelalterliche Templerorden nicht ausschließlich aus Rittern und dienenden Brüdern bestanden habe, sondern innerhalb des Ordens auch ein besonderer geistlicher Kreis existiert habe. Diesem wurden in der späteren Überlieferung geheime religiöse, philosophische und teilweise alchemistische Kenntnisse zugeschrieben. (Link)

Aus solchen Vorstellungen formte Starck ein eigenes System, in dem sich Elemente des Rittertums mit einer priesterlich verstandenen Einweihung verbanden. In diesem Zusammenhang wird auch Friedrich von Vegesack genannt, der für sich in Anspruch genommen haben soll, bereits 1749 in Paris in eine fortbestehende templerische Tradition aufgenommen worden zu sein.

Verhältnis zur Strikten Observanz

Von besonderer Bedeutung war die Beziehung des Klerikats zur Strikten Observanz, die sich ebenfalls auf das Erbe der Tempelritter beruft. Auf dem Konvent von Kohlo im Jahr 1772 kam es zu einer formellen Vereinigung.

Die Verbindung erwies sich jedoch als schwierig. Unterschiedliche Vorstellungen über Autorität, Überlieferung und die geistige Ausrichtung führten zu erheblichen Spannungen. Bereits 1778 löste sich Starcks System wieder aus dieser Verbindung.Die Auseinandersetzungen zeigen exemplarisch, wie intensiv im 18. Jahrhundert um die Frage gerungen wurde, was eine Fortführung der Templertradition überhaupt bedeuten könne: historische Nachfolge, symbolisches Rittertum oder eine geistige Schule der Einweihung.

Die Überlieferungslegende des Klerikats

Wie zahlreiche esoterische und freimaurerische Systeme seiner Epoche entwickelte auch das Klerikat eine eigene Ursprungserzählung. Nach dieser Überlieferung soll das bewahrte geistige Wissen weit älter als der historische Templerorden gewesen sein. Seine Ursprünge wurden mit den Essenern in Verbindung gebracht, einer jüdischen Gemeinschaft der Antike. Von dort, so die Traditionsdarstellung, sei dieses Wissen später zu den Kanonikern des Heiligen Grabes und schließlich zu den Tempelrittern gelangt. Eine besondere Regel für die geistlichen Branche des Ordens wurde in der Überlieferung mit André de Montbard, einem frühen führenden Mitglied des Templerordens, in Verbindung gebracht.

Nach der Aufhebung des mittelalterlichen Ordens soll die geheime Tradition durch einzelne Templer weitergetragen und zunächst nach Irland, später nach Schottland gebracht worden sein. Auch Aberdeen erscheint innerhalb dieser Erzählungen als bedeutender Ort der Fortführung. Für eine solche durchgehende historische Linie fehlen belastbare Belege. Sie sollte deshalb als Ordenslegende beziehungsweise Traditionsüberlieferung verstanden werden und nicht als gesicherte mittelalterliche Geschichte.

Die drei Stufen des Klerikats

Das System der Templer-Kleriker war in drei aufeinander aufbauende Stufen gegliedert:

  • Postulat – die Zeit der Vorbereitung und Prüfung,
  • Noviziat – die Einführung in die geistige Lehre und Symbolik,
  • Kanonikat – die höchste Stufe mit dem Charakter einer geistlichen Weihe.

Damit unterschied sich das Klerikat deutlich von einem ausschließlich ritterlich verstandenen System der Strikten Observanz des 18. Jahrhunderts. Sein Weg sollte den Kandidaten schrittweise von der äußeren Form zur inneren Erkenntnis führen. Dabei sollte der VI. Grad zum Klerikat weiterführen, wobei dort die drei Klerikats-Grad als Orden im Orden verstanden wurden.

Die Aufnahme wurde in Formen gestaltet, die an kirchliche Weihehandlungen erinnerten. Überliefert sind lateinische Segensformeln, Weihwasser, Salbungen und weitere Elemente einer sakralen Zeremonie. Auch die Symbolik des Altars war ungewöhnlich. Genannt werden eine Bibel, eine Menorah sowie ein als Baphomet bezeichnetes Symbol.

Bemerkenswert ist vielmehr das Nebeneinander unterschiedlicher religiöser und esoterischer Symbole. Es weist darauf hin, dass das Klerikat seine Lehre nicht ausschließlich konfessionell, sondern in einem umfassenderen symbolischen Sinn verstand.

Weiterentwicklung im 19. Jahrhundert

Mit Starcks persönlichem Rückzug verschwand die klerikale Idee nicht vollständig. Überlieferungen aus dem frühen 19. Jahrhundert zeigen, dass Rituale verändert und weiterentwickelt wurden. Ein Schreiben von A. Schleiermacher aus dem Jahr 1831 erwähnt beispielsweise Veränderungen, die Starck während seiner Darmstädter Zeit vorgenommen haben soll. In den 1830er Jahren begegnen verwandte Traditionen schließlich unter der Bezeichnung „Vereinigung der Sieben Verbündeten“. Damit setzte sich zumindest die Idee einer besonderen inneren, geistlich orientierten Templertradition in veränderter Form fort.

Die geistige Bedeutung des Klerikats

Das Klerikat der Tempelherren besitzt eine besondere Bedeutung für die Geschichte der neuzeitlichen Templeridee. Es steht für den Versuch, Rittertum und geistliche Erkenntnis miteinander zu verbinden.

In diesem Sinne kann das Klerikat als Ausdruck einer Suche verstanden werden, die weit über historische Abstammungsfragen hinausgeht. Im Zentrum steht die Vorstellung, dass eine Tradition ihren Wert nicht allein durch eine lückenlose organisatorische Linie erhält, sondern auch dadurch, dass ihre geistigen Grundgedanken aufgenommen, geprüft und weitergetragen werden.

Das Klerikat der Tempelherren

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