Mitglieder der Strikten Observanz des 18. Jahrhunderts schworen ihrem Namen nach einen absoluten Gehorsam gegenüber den sogenannten ‚Geheimen Oberen‘ oder ‚Unbekannten Oberen‘, die später zu den ‚Oberen der vereinigten Logen‘ wurden. Gold- und Rosenkreuzer versuchten im Umfeld des Wilhelmsbader Konvents, ihre eigene arkane Autorität und Lehre innerhalb der Freimaurerei zur Geltung zu bringen.[1] Später übernimmt der ‚Golden Dawn‘ (gegr. 1888) ebenfalls das Konzept der Geheimen Oberen aber in spiritualisierter Form.[2] Hinter der Vorstellung von den ‚Unbekannten Oberen‘ könnten jedoch konkrete Personen oder Netzwerke gestanden haben;[3] ihre Identität ist bis heute umstritten.[4]

Die ‚Geheimen Oberen‘ oder ‚Unbekannten Oberen‘ waren wahrscheinlich eine Gruppe von Jakobiten oder zumindest im Umkreis des letzten Thronprätendenten Charles Edward Stuart, die ihn dabei unterstützten, den britischen Thron zu besteigen, den sein Großvater Jakob II. 1688 in der Glorious Revolution aufgeben musste. Der Brief vom 30. September 1745 des Herzogs von Perth an Lord Ogilvy wird als wichtiges Zeugnis für eine Verbindung Charles Edwards mit einer templerisch-ritterlichen Ordensüberlieferung angeführt. Dem Brief zufolge wird behauptet, dass Charles Edward Stuart am 24.9.1745 im Holyrood Palace in Edinburgh tatsächlich mit allen Ehren eingesetzt wurde.[5]

Die Wahl war nicht ungewöhnlich hatte wohl den Grund. James Murray, 2. Duke of Atholl, der nach späterer Ordensüberlieferung seit 1732 die Geschicke des Generalgroßmeisteramtes in Händen hielt, ließ sein Amt bereits vor 1739 wieder ruhen, welches daraufhin kommissarisch von seinem Stellvertreter Alding, der der in einer Überlieferung unter seinem Rittenamen ‚Eques a Penna rubra‘ bekannt war,[6] übernommen wurde. Ab 1737 wurde er zwar gefragt, ob er für das Amt des Grand Master Mason of Scotland kandidieren wolle, nahm es aber nicht an. Gewählt wurde schließlich George Mackenzie, Earl of Cromartie. Bei dem Jakobitenaufstand, der der Schlacht von Culloden vorausging, schlug er sich abermals auf die Seite der Engländer. 1743 wurde deshalb laut Ordensüberlieferung notgedrungen der 22-jährige Charles Edward Stuart in Abwesenheit zum nächsten Generalgroßmeister gewählt. Alding behielt bis zur rituellen Wahl von Charles Edward Stuart am 24. September 1745 die kommissarische Führung und reiste in Ordensangelegenheiten über Frankreich nach Italien.[7] Der Freimaurer-Forscher André Kervella hingegen geht davon aus, dass es möglich ist, dass der „Ritter von der roten Feder“ der Sohn des ehemaligen und letzten – im März 1738 zurückgetretenen – jakobitischen Großmeisters in Frankreich war, der Earl Charles Radcliffe of Derwentwater. Etwas jünger als Clifford und Kilmarnock, da er am 5.11.1727 geboren wurde, war er seit dem 21.9.1741 Offizier in dem irischen Regiment von Dillon im Dienst der französischen Krone.

Das Großkapitel von Aberdeen habe dem kommissarischen Generalgroßmeister Alding die Investitur erteilt. Dieser habe während seines Aufenthaltes in Frankreich den Grafen de la Tour du Pin zum Provinzial-Großmeister der Auvergne ernannt, die Ordensprovinz Niederdeutschland wiederhergestellt, was sein Vorgänger bereits vorbereitet hatte, und die Provinzial-Großmeisterwürde Italiens Lord Charles Sackville (1710/1711-1769) übertragen und schließlich 1743 Carl Gotthelf von Hund und Altengrotkau zum Nachfolger des Provinzial-Großmeisters der VII. Ordensprovinz, was große Teile Niederdeutschlands einschloss, ernannt. [8] Nach der von der SOT vertretenen Rekonstruktion gehörten zu der Zeit zu den ‚Geheimen Oberen‘ William Boyd, 4th Earl of Kilmarnock, Arthur Elphinstone, 6th Lord Balmerino und weitere Edelmänner darunter auch Alding, der indem er angeblich Charles Edward Stuart vertrat damit die Befugnisse hatte, Carl Gotthelf von Hund und Altengrotkau in den Tempelritterorden aufzunehmen und ihm die Investitur über die VII. Ordensprovinz zu erteilen. Das könnten die eigentlichen ‚Oberen der vereinigten Logen‘ zur Zeit von Carl Gotthelf von Hund und Altengrotkau gewesen sein, die später zu den ‚Geheimen Oberen‘ oder ‚Unbekannten Oberen‘ werden sollten.

Charles Edward Stuart wurde im Dezember 1748 im Zusammenhang mit dem Frieden von Aachen aus Frankreich ausgewiesen. Nach Rom kam er als dauerhafterer Wohnsitz erst 1766, nach dem Tod seines Vaters; 1774 zog er nach Florenz. Aus politischen Gründen distanzierte sich Charles Edward Stuart ab 1776 von der Templer-Freimaurerei und der Freimaurerei im Allgemeinen. Das führte einerseits zu einer Instabilisierung der templerischen Freimaurersysteme seiner Zeit. Es zeichnete sich auch kein männlicher Nachkomme in der katholischen Thronfolge Britanniens ab, was eines der Jakobiten höchstes Ansinnen war.

Carl Gotthelf von Hund und Altengrotkau hatte 1751 die Nachfolge von Marschall von Bieberstein als Großmeister der VII. Ordensprovinz angetreten. Sein Vorgänger war kurz danach vermutlich verstorben. Im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) gerieten nun alle Machtverhältnisse in Europa ins Wanken. Ab 1763/1764 war die Jakobiten-Gruppe um Charles Edward Stuart zumindest in Frankreich nicht mehr erreichbar, daher fasste Carl Gotthelf den Entschluss, die Ausgestaltung der VII. Ordensprovinz selbstverantwortlich und ohne weitere Abstimmung zu unternehmen. Denn nach der Schlacht von Culloden im Jahr 1746, bei dem der letzte Versuch durch die Jakobiten unternommen wurde, den britischen Thron in katholische Hände zurückzuführen, wurden Die in dieser Rekonstruktion als Geheime Obere identifizierten Jakobiten wurden – mit Ausnahme von Charles Edward Stuart, der in Frauenkleider wieder nach Frankreich fliehen konnte – entweder verhaftet, getötet oder hingerichtet. Dies trug weiter zur Entstehung eines Mythos um die ‚Geheimen Oberen‘ bei.

Die angenommene Verbindung zum Königshaus Stuart beherrschte die Strikte Observanz weiterhin. Am 12. September 1777 traf Karl Eberhard von Wächter (1758-1829) auf den im italienischen Exil lebenden Charles Edward Stuart.[9] Das von beiden unterzeichnete Protokoll ging an Herzog Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel, dem amtierenden Heermeister der Strikten Observanz. Carl von Södermanland, der spätere König Karl XIII. von Schweden, wandte sich 1780 als gewählter Heermeister der Strikten Observanz schriftlich an Charles Edward Stuart und bat ihn um die Bestätigung seiner Wahl als Nachfolger. [10] Charles Edward Stuart antwortete aber, dass er seine Wahl nicht bestätigen könne, angeblich nach dem persönlichen Austausch mit von Wächter. Seine Weigerung als letzter ‚Geheimer Oberer‘ aufzutreten, wird aber eher mit der verlorenen Hoffnung auf eine Rückeroberung des britischen Throns verbunden und auf seine finanzielle Abhängigkeit vom Papst zurückgeführt, der 1738 die Logenmitgliedschaft für Katholiken verboten hatte.

Charles Edward Stuart, der weiterhin in der Templermaurerei als deren weltweites Oberhaupt galt, trotz seiner Distanzierung aus politischen Gründen verstärkte dadurch nur noch mehr den Mythos um die ‚Geheimen Oberen‘. Denn Carl Gotthelf von Hund und Altengrotkau ließ es zu, dass man weiterhin an den Jakobiten-Mythos glaubte. Er sollte später diesbezüglich selbst in Bedrängnis geraten. Spätestens in den 1760er Jahren bestand für Hund kein nachweisbarer regelmäßiger Kontakt mehr zu den Personen, die er beziehungsweise die spätere Ordensüberlieferung mit den ‚Unbekannten Oberen‘ verband. Carl Gotthelf von Hund und Altengrotkau und seine Mitstreiter wehrten die Angriff zwar erfolgreich ab, was aber dennoch einen Beigeschmack zurückließ.

Heutzutage werden systemintern die ‚Geheimen Oberen‘ wie ursprünglich als die ‚Oberen der vereinigten Logen‘ bezeichnet und gemäß den Allgemeinen Statuten von 1996, § 6 bilden sie das Führungsgremium einer Ordensprovinz. Geborene Mitglieder sind u.a. der Provinzial-Großmeister, der Großkopte, der Großmeister der Tempelritter und Berufenen Ritter sowie der Großmeister der Schottischen Meister. Sie existieren in jeder Ordensprovinz, führen sie und unterstützen den Provinzial-Großmeister bei seinem Wirken. Die Bezeichnung der ‚Oberen der vereinigten Logen‘ ist seit 1772 fester Bestandteil der Rituale der Strikten Observanz. [11]

Mehrere Einzelheiten aus von Carl Gotthelf von Hunds Überlieferung haben durch spätere Quellenfunde neue Plausibilität erhalten. Die Identität seiner ‚Unbekannten Oberen‘, die genaue institutionelle Struktur des von ihm beschriebenen templerisch-freimaurerischen Umfelds und insbesondere dessen Verhältnis zu Charles Edward Stuart bleiben jedoch Gegenstand historischer Diskussion.


  1. Vgl. Renko D. Geffarth, Religion und arkane Hierarchie, 2007.
  2. Mark E. Koltko-Rivera zieht ausdrücklich die Traditionslinie von Strikter Observanz und Gold- und Rosenkreuzern zu den geheimen deutschen Adepten bzw. „Secret Chiefs“ des Golden Dawn.
  3. Vgl. https://tu-dresden.de/gsw/fovog/textedaten/templerlexikon/s?#ck_Strikte%20Observanz
  4. Vgl. https://www.ezw-berlin.de/fileadmin/user_upload/ezw-berlin/PDF/EZW-Texte_PDF_Dateien/EZW-Texte_160.pdf
  5. Vgl. The Freemasons‘ Quarterly Review, 30. Juni 1845, S. 31; NLS-Manuskriptkatalog; AQC 67 (1954); Begemann.
  6. Vgl. André Kervella. La Stricte Observance Templière: une élite européenne au siècle des Lumières. NOUVEL OFF DU LIVRE DE L’ILLUSTRA NUMERI (NOLIN). Paris 2023.
  7. Der Perth-Brief behauptet vielmehr eine Wahl am 24. September 1745. Die kritische Literatur bei Runkel/Begemann spricht gegen eine sichere Darstellung.
  8. Vgl. TAU. Zeitschrift der Forschungsloge. QUATUOR CORONATI Nr. 808 i. Or. Bayreuth. Nr. I/2017. 43. Jahrgang. Geschichte. Henning Thorandt: Carl Gotthelf Freiherr von Hund(t) und Alten-Grotkau. S. 39-48.
  9. AQC-Index; Neugebauer-Wölk/Le Forestier.https://www.quatuorcoronati.com/wp-content/uploads/2024/03/AQC-Index-Volumes-1-to-136.pdf
  10. Vgl. Monika Neugebauer-Wölk, Arkanwelten im 18. Jahrhundert, besonders die Behandlung des Vorgangs um 1780; sie stützt sich u. a. auf Le Forestier und Nettelbladt. (Autorin)
  11. Die Bezeichnung „Vereinigte Logen“ trat 1772 auf dem Konvent von Kohlo offiziell an die Stelle der „Strikten Observanz“ und gleichzeitig wurde ein greifbares Oberhaupt gewählt.

Literatur:

  • René Le Forestier / Antoine Faivre:La Franc-Maçonnerie templière et occultiste aux XVIIIe et XIXe siècles. Das große Standardwerk zur templerischen Freimaurerei, Strikten Observanz, unbekannten Oberen und den verwandten Systemen. Die Forschungsstelle für Vergleichende Ordensgeschichte der TU Dresden nennt es ausdrücklich als Sekundärliteratur zur Strikten Observanz.
  • Ferdinand Runkel:Geschichte der Freimaurerei in Deutschland, 3 Bde., Berlin 1932, besonders Bd. 1. Für Hund, dessen angebliche Initiation, die Strikte Observanz und die chronologischen Schwierigkeiten außerordentlich wichtig. Runkel hält etwa die behauptete Begegnung Hunds mit Charles Edward Stuart 1743 für legendär bzw. historisch problematisch.
  • Wilhelm Begemann:Die Tempelherren und die Freimaurer, Berlin 1906. Besonders S. 56–63 sind wichtig für den Perth–Ogilvie-Brief und Charles Edward Stuart. Begemann kam nach seiner Quellenkritik zu dem Ergebnis, dass nichts gegen die Annahme spreche, der Brief sei gefälscht; die spätere Quatuor-Coronati-Forschung diskutiert diese These ausdrücklich.
  • Hermann Schüttler: „Zwei freimaurerische Geheimgesellschaften des 18. Jahrhunderts im Vergleich: Strikte Observanz und Illuminatenorden“, in: Erich Donnert (Hg.), Europa in der Frühen Neuzeit, Bd. 4: Deutsche Aufklärung, Weimar/Köln/Wien 1997, S. 521–544. Eine sehr brauchbare wissenschaftliche Überblicksdarstellung.
  • Monika Neugebauer-Wölk: „Arkanwelten im 18. Jahrhundert. Zur Struktur des Politischen im Kontext von Aufklärung und frühmoderner Staatlichkeit“, in: Aufklärung 15 (2003), S. 7–65. Besonders nützlich für die politischen und freimaurerischen Geheimstrukturen sowie für den Briefwechsel Södermanland–Charles Edward Stuart von 1780.
  • Renko D. Geffarth:Religion und arkane Hierarchie. Der Orden der Gold- und Rosenkreuzer als Geheime Kirche im 18. Jahrhundert, Leiden/Boston: Brill 2007. Das dürfte für deinen Abschnitt über die Gold- und Rosenkreuzer die wichtigste moderne Monographie sein; sie beruht ausdrücklich auf Originaldokumenten und behandelt Geschichte, Hierarchie, Führung und Geheimlehren. Dazu: ders.: „Zirkel, Brüder, Unbekannte Obere. Zur inneren Struktur des Gold- und Rosenkreuzerordens in Mittel- und Norddeutschland“, in Zaunstöck/Meumann (Hg.), Sozietäten, Netzwerke, Kommunikation, 2003, S. 159–175.
  • Pierre Mollier:La Chevalerie maçonnique, Paris 2022. Eine neuere Arbeit zur maurerischen Ritter-/Templertradition, ebenfalls von der TU-Dresden-Forschungsstelle als weiterführende Literatur zur Strikten Observanz empfohlen.
  • Mark E. Koltko-Rivera: „The Masonic Roots of the Hermetic Order of the Golden Dawn“, in: Heredom 18 (2010), S. 225 ff. Für deinen Golden-Dawn-Satz besonders wertvoll: Koltko-Rivera behandelt ausdrücklich den „founding myth“ der unbekannten/geheimen Oberen und verfolgt ihn über Gold- und Rosenkreuzer und Strikte Observanz. Ergänzend:
  • Ellic Howe:The Magicians of the Golden Dawn: A Documentary History of a Magical Order 1887–1923, 1972.
  • Marsha Keith Schuchard ist wichtig, wenn du gezielt die pro-jakobitische Interpretation darstellen willst. Sie nimmt den Perth-Brief und die Verbindung von Stuart-Jakobitismus, Ritterorden und Freimaurerei wesentlich ernster als Begemann/Runkel. Das macht sie gerade für eine ausgewogene Darstellung wertvoll – aber ihre Interpretation sollte als Forschungsposition bezeichnet werden, nicht als abschließend erwiesen. Als Primärquelle zum umstrittenen Holyrood-Vorgang: „Historical Notes Relative to the Order of the Temple“, The Freemasons’ Quarterly Review, 30. Juni 1845, S. 31. Dort steht der angebliche Perth-Brief mit dem Bericht über das Kapitel vom 24. September 1745. Die National Library of Scotland verzeichnet außerdem eine Abschrift „Letter, Duke of Perth to Lord Ogilvie, Holyrood, 30 September 1745“, fol. 99, in einem von Peter Rose angelegten Sammelband. Das ist wichtig, beweist aber noch nicht, dass ein autographes Original von 1745 erhalten ist.
Die geheimen oder unbekannten Oberen

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